Einladung zum Schweigeweg

  

 

 

Liebe Angehörige der Opfer des Flugzeugunglücks,

  Liebe Freunde und Freundinnen.

 

In ganz kurzer Zeit wird sich die Sekunde jähren, in der die beiden Flugzeuge am Himmel über uns zusammengeprallt sind. Damit hat sich Ihr Leben so entscheidend verändert, ist Leid, Trauer und Not bis in die Knochen und die Zellen Ihres Körpers gedrungen, sind Ihre Herzen und Seelen voll bitterem, grausamem Schmerz, dass es uns in der Vorbereitung Ihres Besuches sinnvoll erschien, die Mitte dieser Nacht so zu gestalten, dass sie in Ihrem Trauerprozess möglichst tröstend und hilfreich werde.

Wir möchten Sie, liebe Mütter und Väter, Ehefrauen und Ehemänner, Töchter und Söhne, Sie die Allernächsten der Opfer in unsere Mitte nehmen und sie hinausbegleiten in die anbrechende Nacht hinauf zur Ostwiese in Brachenreuthe, wo in jener schrecklichen Nacht Opfer gefunden und geborgen wurden.

   Es werden draußen nun 71 Kerzen entbrannt, die von Menschen der Feuerwehr, des Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerkes und der Schulgemeinschaft von Brachenreuthe an Ihrer Seite getragen werden.

Wir werden etwa 1 Stunde unterwegs sein und wir werden in Stille unterwegs sein, um  inne zu werden und in der Kraft der Stille, die groß ist, wenn sie gemeinsam ist, uns aller Opfer zu erinnern, die vor einem Jahr ihr Leben geben mussten.

 Dort in Brachenreuthe werden wir in einem dieser besonderen Stunde angemessenen Ritual die Namen der Opfer hinaus rufen in die Nacht, zu den Sternen, in den Himmel und wir werden uns damit und wie es jeder vermag verbinden mit denen, die nicht mehr auf dieser Erde leben dürfen.

Lassen wir uns nun auf den Weg schicken mit Worten der Dichterin Hilde Domin:

Die schwersten Wege

 

Knubben 30.6.2003

Donnerstag, 3. Juli 2003                         Der Himmel hält inne bis zum letzten Namen                               SÜDKURIER NR 150/ Ü

1000 Menschen schreiten von Owingen nach Brachenreuthe und gedenken zur Stunde des Unglücks der Toten

   Schwer und regennass hängen die Wolken über dem Feld nahe der Absturzstelle bei Brachenreuthe. Aber der Himmel hält inne, bis der letzte Name ausgesprochen, das letzte von 71 Lichtern entzündet ist. Dann, fast genau zur selben Minute, als vor einem Jahr die beiden Flugzeuge nahe dem Bodensee zusammengestoßen sind, öffnen sich die Schleusen. Fünf Minuten prasselt der Regen auf rund 1000 Menschen nieder. Sie stehen eng aneinandergedrängt im Licht von 71 Fackeln und sind fassungslos angesichts der Dramaturgie dieser Minuten.

Die Gedanken aller ähneln sich wohl in dieser Stunde. Und sind doch ganz verschieden. Eltern sehen das Lachen ihrer Kinder vor ihrem inneren Auge. Die Helfer von Feuerwehr, Rotem Kreuz, DLRG und THW sehen die grausamen Bilder der Nacht vor einem Jahr. Anwohner und Bürger, die die Angehörigen begleitet haben, erinnern sich. Alle sind verletzt worden damals.

Die Trauer über den Verlust aber auch über das Erlebte bringt die Menschen in dieser Nacht wieder zusammen. Gemeinsam sind fast 1000 Menschen von Owingen über den Golfplatz Lugenhof zu einer der Hauptabsturzstellen nahe Brachenreuthe gegangen. Immer wieder schließen sich unterwegs kleine Grüppchen dem Schweigemarsch an. Erst mit den eigenen Schritten ist zu fassen, wie weit das Feld der Fundorte ist. Beinahe vier Kilometer lang ist der Weg, der mitten hindurch führt.

Schwer ist der Weg hinauf auf den Berg, wo der See zu Füßen liegt. Dort wartet die Musik der Kapelle aus Lippertsreute. Geistliche aller drei Glaubensrichtungen, christlich, moslemisch und russisch‑orthodox, sprechen Gebete, wiederholen eindringlich die Namen der Opfer. Auch Brant Campioni und Paul Phillips, die Piloten der Frachtmaschine, werden nicht vergessen. Ein Gedicht in englischer Sprache wird besonders für ihre Angehörigen gesprochen.

Eine kleine Ewigkeit dauert es, bis alle 71 Fackeln entzündet sind. Ganz langsam nur nehmen sie die Flamme an. Hoch hinauf in den nächtlichen Himmel ragt bald die Feuerskulptur, ist Mahnmal des Moments. Oft macht ein lautes Schluchzen deutlich, welche Mutter in diesen Augenblicken um ihr Kind weint. Als ob bis zu jedem Moment einmal mehr gehofft wurde, dass man sich doch geirrt habe. Die Tochter, der Sohn nicht dabei gewesen sein mögen. "Ich stelle mir immer vor, dass meine Tochter gar nicht auf dem Boden aufgeschlagen ist. Sie ist einfach im Himmel geblieben", sagt eine Mutter zu einem Helfer des THW, der in der Nacht auf diesem Feld im Dienst war.

   Julia Fedotowa wird später sagen, dass diese Nacht für sie sehr viel bedeutet hat. Sie hat ihre Tochter Sofia verloren vor einem Jahr und engagiert sich seitdem für die rechtlichen Belange der Angehörigen. "Ich habe mich getragen gefühlt von den Flügeln des menschlichen Mitleids", sagt sie. Nicht die offizielle Trauerfeier sei für sie wichtig und gewichtiger Anlass, sondern sie werde immer an den Tag und die Nacht denken, in der sie wieder die Hilfe und Zuneigung der Menschen am See gespürt habe.

Dann gehen alle wieder zurück in die Welt, den Alltag, den sie zur Stunde des Unglücks für eine Weile verlassen hatten. Die Musik ist kraftvoll und Hoffnung klingt aus ihr. Die 71 Fackeln leuchten noch die ganze Nacht und darüber hinaus weiter. Der Himmel über dem See ist sternenklar.

CAROLA STADTMÜLLER

Fotos Kästle