Erinnerung beschwert das Leben,

Dankbarkeit schenkt Hoffnungsschimmer

 

Von einer Reise zur Einweihung einer Gedenkstätte an den Ural, nach Ufa,

Baschkortostan/Russland vom 12. bis 14. Juli 2003.

 

 

 

 

Bild: Empfang in Ufa Ministerpräsident Baschkortostans Baidavletov bei Übergabe einer Fahne Baden-Württembergs durch Verkehrsminister Müller

 

 

Kurz vor der Abfahrt gehen die Fußgänger an Bord. Die Schranke senkt sich, die Seile werden gelöst, die Fähre legt ab, fährt dem anderen Ufer entgegen. Gerade am Hafen angekommen, schaue ich nach der nächsten Fähre über den See. An der Hafenmauer stehen zwei Frauen, die frühe Sonne genießend. Sie schauen ihren Männern nach. Wir begrüßen uns freundlich. Polizeidirektor Walser ist mit den Bürgermeistern von Überlingen und Owingen, Herrn Weber und Herrn Former, schon auf dem Weg zum Flughafen. Ihre Frauen hatten sie hierher nach Meersburg begleitet. Minister Müller ist nun auch bereits angekommen. Gut ein Jahr nach dem Flugzeugunglück vom Bodensee sind wir als Delegation des Landes Baden-Württemberg auf dem Weg in die russische Republik Baschkortostan.

 

Beim Umladen unseres Gepäcks bemerke ich die Getreidesträuße, in Tüten verpackt. Unter den üppigen Ähren sehen die gebundenen Halme etwas kahl aus. Frau Weber besinnt sich kurz, nimmt mir die beiden Sträuße aus der Hand und schon sind sie mit roter Schleife und einem passenden silbernen Schmuck in eine ansehnliche Gabe verwandelt. Kann man solche vollen Zeichen des Lebens im Gedenken an den Tod von 71 zumeist jungen Menschen übergeben? Ist dieses Symbol angesichts eines solchen Verlustes angebracht? Ich erinnere mich an die Worte aus einem Artikel, der kurz nachdem die Angehörigen hier am Ort des Unglückes waren, auf der Internetseite der baschkirischen Nachrichtenagentur „Bashinform“ erschien: „Es war eben auch wichtig zu spüren, dass wir mit unserem Leid nicht allein sind. Man sagt, dass man wahre Freunde nur im Unglück erkennt. Die deutsche Seite hat unseren Schmerz so nah ans Herz genommen, dass wir uns verstanden und aufgenommen gefühlt haben. ... sie taten alles Notwendige, dachten an tausend Kleinigkeiten. …Die Stadtgärtnerei Überlingen sandte Blumen und Kränze, dabei vergaß man nicht, von den Rosen die Dornen zu entfernen... Alles wurde durchdacht, um auf keine Weise unsere Gefühle zu verletzen. Alles war würdig und menschlich.“ Ein Jahr ist dies her und tatsächlich ist eine Freundschaft entstanden, in der man besonders darauf achtet, keine Rosen mit Dornen zu verschenken. Die Eltern und nächsten Angehörige der 71 Absturzopfer mußten vor einem Jahr vor den Trümmerteilen, welche in vollen Getreidefeldern lagen, größten Schmerz ertragen. Dabei griffen sie zu jedem Strohhalm der Hoffnung und sammelten auch Ähren dieser Felder ein. Später erhielten sie Kornsäckchen aus der Ernte und nun gebundene Ähren. Zwei Schüler aus Ufa, der Stadt aus der die meisten Verstorbenen kamen, hatten geholfen sie zu sammeln. Bekannte von ihnen sind verunglückt. Nun besuchen sie hier am Bodensee eine Schule. So verfliegt der Zweifel, und die Hoffnung ist wieder bestärkt, dass dies als freundliche, Trost aussprechende Geste, als Zeichen der Anteilname verstanden wird.

 

 Die Ährensträuße und der Kranz sollen auch unsere Dankbarkeit ausdrücken. Die Menschen hier in der Region, wo die Trümmerteile der kollidierten Flugzeuge vom Himmel fielen, sind dankbar, dass am Boden niemand weiter verletzt wurde. Dieses „Wunder“, wie es der Überlinger Stadtpfarrer bezeichnete, war auch für manche Hinterbliebenen bedeutsam. Ihre Verstorbenen hatten niemand „mit in den Tod gerissen“. Jetzt jedoch stimmt uns auch dankbar, dass die Hinterbliebenen uns nun bereits wiederholt in ihre Heimat einladen um hier gemeinsam den Toten zu gedenken. 60 Verstorbene stammen aus dieser ca. vier Millionen Einwohner zählenden autonomen Republik Russlands. Das relativ wohlhabende Baschkortostan liegt am südlichen Fuße des Ural, an der östlichen Grenze des geografischen Europa. Sehr herzlich zeigt man den Gästen dieses schöne, unbekannte Land. Immer wieder bemerkten Angehörige die Ähnlichkeit der Bodenseeregion mit Landstrichen ihres Landes.

 

Noch am Fährhafen in Meersburg verstauen wir 80 Videokassetten in unseren Koffern. Dabei muss ich an die wenige Tage zurückliegende Trauerfeier in Überlingen denken. Die üppige Schönheit der Bodenseelandschaft, mit Bildern von Blumenwiesen, Schwänen, Wasserwellen und zum anderen Ufer gleitenden Fähren, wie ich sie gerade erlebe, ist auf dem Video dargestellt. In diesen Landschaftseindrücken tauchen kurz, bei ruhiger, getragener baschkirischer Flötenmusik, schemenhaft, wie aus einer anderen Welt kommend, die Bilder der Verstorbenen auf. Den Verunglückten Ehre erweisend, erhoben sich alle Anwesenden. Viele Tränen löste die unerbittliche Erinnerung aus, bei Eltern, Ehepartnern, Freunden, bei jenen, welche die Bergung übernahmen, die mitfühlten, auch wenn sie „nur“ ihre Dienstpflicht erfüllten.

 

Einige Zeit später sitze ich zusammen mit  den  weiteren Vertretern der  Delegation aus Baden-Württemberg auch schon im Flugzeug in Richtung Moskau, von wo es dann nach Ufa weitergehen wird. Hier im Flugzeug fällt mir ein Display ins Auge, das die Geschwindigkeit mit 860 km/h und die Höhe, in der wir uns befinden, anzeigt. Fast elftausend Meter haben wir erreicht.

 

 

In dieser Höhe und bei etwa dieser Geschwindigkeit zerschnitt damals in der Nacht vom 1. auf 2. Juli 2002 ein Frachtflugzeug mit seinem Heckruder eine baschkirische Passagiermaschine und damit die Zukunft von 71 Menschen. Drei Meter weiter oder Bruchteile von Sekunden, es wäre nicht passiert. Ich schaue aus dem Fenster und bemerke, daß wir uns gerade über dem Bodensee befinden, dort ist Überlingen, auch Owingen. Kaum 1 km entfernt von meiner Wohnung, zwischen die beiden Orte, fielen damals die Trümmerteile, Gepäck und Körper zu Boden. Es wird nicht wieder passieren, es kann nicht, sage ich mir. Eine Verkettung von vielen Umständen, Unachtsamkeiten, Mängel und Nachlässigkeiten führte zu diesem Unglück.

 

Damals bildete sich sofort ein Krisenstab, Hinterbliebene wurden erwartet. Es waren seelsorgerische und sprachvermittelnde Dienste notwendig. Die Krisenintervention, d.h. die psychologische Betreuung der Einsatzkräfte, der betroffenen Anwohner und Helfer sowie der Hinterbliebenen war schnell bereit. Dazu brauchte es nun Dolmetscher, einige zu „organisieren“, bot ich mich an und plötzlich war ich zuständig für deren Koordinierung vor Ort. Viele russisch sprechende  Mitbürger aus weiterer Umgebung meldeten sich bei den öffentlichen Einrichtungen und boten ihre Hilfe an. So waren schnell über 60 Dolmetscher da, als bereits zwei Tage nach dem Absturz am 4. Juli 2002  160 Hinterbliebene zum Unglücksort nach Überlingen kamen. Das Ziel aller war zu helfen -  doch wie? Was konnte man mehr tun als fieberhaft zu suchen, alle Toten zu finden, zu identifizieren und den Angehörigen zurückzugeben? Die Betroffenen eines großen Unglücksfalles benötigen im Grunde einen kompetenten Ansprechpartner, der sie mit allen Informationen über rechtliche, soziale, finanzielle, psychologische und seelsorgerische Hilfe versorgt. Dieser Ombudsmann – zum ersten mal in Eschede eingesetzt, muss unabhängig von allen Behörden und Ämtern sein, aber gewünscht und unterstützt werden. In unserem Fall wurde ein solcher Ombudsmann leider nicht eingesetzt. Seine Aufgaben musste durch weitgespannten, freiwilligen Einsatz erfüllt werden.

 

Menschliche Wärme und Anteilnahme ist ebenso wichtig wie das angemessene Vermitteln und Erfragen von Informationen. Auch Zeit am Unglücksort, um das Geschehene zu realisieren, ist notwendig. Manchmal half nur mitfühlendes Zuhören, da sein, das Leid mittragen, beistehen. Wie kann man hier Trost geben? Eine Mutter, untröstlich, schilderte mir damals, wie viele Verwandte sie im Krieg verlor, durch Deutsche, nun hier noch ihr Sohn. „Nein, es kann keinen Gott geben“. Eine andere sagte, der Islam lehre, Leid aufrecht zu ertragen, nun wolle sie Haltung bewahren. Jeder muss individuell seinen Weg, mit der Trauer umzugehen finden, doch in solchen Momenten bedarf es bestmöglicher Hilfe, auch um seelische Spätfolgen zu verringern.

 

Gerade die Muslime drängten auf eine schnelle Bestattung. Bereits weniger als zwei Wochen nach dem Unglück, am 13.Juli 2002 konnten alle Opfer  in Ufa beerdigt werden. Vor genau einem Jahr war Minister Müller bereits in Ufa und nahm an der Beisetzung der Verunglückten teil.

 

Vor zwölf Tagen an der Trauerfeier zum Jahrestag der Flugzeugkatastrophe sprach der baschkirische Ministerpräsident Baidawletov eine Einladung für eine Delegation aus Baden-Württemberg aus. Anlass ist die Einweihung der Gedenkstätte auf dem Südfriedhof von Ufa am Jahrestag der Beisetzung. Der Ministerpräsident Teufel, wie auch die baschkirische Seite, luden dazu fünf Mitglieder des Freundeskreises „Brücke nach Ufa“, darunter auch mich, ein. Insgesamt sind wir eine zwölfköpfige Delegation.

Vor dem baschkirischen Nationaldenkmal Salawat Julajews in Ufa

 

Nach einem mehrstündigen Aufenthalt in Moskau, landen wir um 23:50 Uhr am 12.7.03 auf dem Flughafen von Ufa. Eine große Regierungsdelegation erwartet uns zu so später Stunde. Einerseits hat die Begrüßung einen sehr offiziellen Charakter und andererseits ist es bereits ein freudiges, warmes Wiedersehen von vielen Bekannten. Sulfat Chammatov, Kabinettsmitglied, Vorsitzender des Angehörigenkomitées und Rim Sufijanov, Leiter der UNESCO Kommission, beide Väter, welche ein Kind verloren, begrüßen uns herzlich. Seit der Ankunft der Hinterbliebenen letztes Jahr in Überlingen, am 4. Juli 2002, ist eine besondere Verbindung entstanden. Die Begegnungen vor dem Hintergrund des Todes hatten oftmals eine Tiefe und Unmittelbarkeit, sie gingen von Herz zu Herz. Oberflächliches, Kleinigkeiten spielten kaum eine Rolle, es entstand eine ungewohnte Nähe.

 

Bereits vier Wochen nach dem Unglück, im August letzten Jahres, überbrachte Sulfat Chammatov ein Dankesschreiben, das einen nachhaltigen Eindruck auf mich machte und das diese entstandene Verbindung beschreibt.

 

Liebe deutsche Freunde!

 

Das Leid hat keine Nationalität, weil alle Menschen (wir sind davon überzeugt worden!) auf gleiche Weise weinen, wenn sie das Teuerste verlieren. Gott gab uns zu leiden, und nur solche aufrichtige Teilnahme und Mitgefühl von Ihnen machen es offenbar möglich, den Schmerz zu teilen und zu erleichtern. Ihr tiefes Mitgefühl und den Wunsch, wenigstens einen Teil des Unglücks, das unsere Familien getroffen hat, zu lindern, haben wir gespürt, als wir gequält und von unermesslichem Verlust bedrückt, den deutschen Boden betreten haben.

Vielleicht hat diese furchtbare Prüfung unsere zwei Länder zusammen gebunden, um uns daran zu erinnern: für Kränkungen darf es keinen Platz in der Seele geben, die Menschen sind aufgerufen, einander zu helfen. Der Mensch ist so zerbrechlich und schutzlos in dieser Welt, dass es für ihn ohne Unterstützung von seinen Mitmenschen nicht einfach ist, die schwierigen Situationen des Lebens auszuhalten. Wir wissen nicht, wie es weiter gehen soll, wie wir atmen, wahrnehmen, lieben sollen... Vieles müssen wir wieder aufs Neue erlernen.

Sie sind diejenigen, die unsere Kinder und Angehörigen empfangen haben, als sie als reine Engel auf unsere gesegnete Erde heruntergestiegen sind. Und folglich ist von jener Minute an, jeder von Ihnen, der freiwillig zur Unglücksstelle geeilt ist, der in den Tempeln gebetet hat und der den verzweifelten Eltern und Angehörigen seine Hilfe angeboten hat, uns wirklich nahe geworden. Es wird uns immer hierher ziehen. Doch, offen gestanden, glauben viele noch heimlich auf ein Wunder....

Von ganzem Herzen bedanken wir uns bei Ihnen dafür, dass Sie sich in der schwierigsten Zeit jedem der Angehörigen, der sein Nächstes verloren hat, zur Seite gestellt haben, die Hand der Hilfe gereicht und mit Ihrer zuverlässigen Schulter unterstützt haben.

Die Reaktion des deutschen Volkes auf die Tragödie, die unsere Republik betroffen hat, rührt uns zu Tränen. Aber jetzt sind es nicht nur bittere, sondern auch gutherzige Tränen, die den gemeinsamen Schmerz erleichtern können.

 

Juli 2002
Die Angehörigen der Verunglückten
des Flugzeugabsturz am 02.07.2002
mit der Flug Nr. 2937

 

Dieser Brief enthält einen Dank, Aufrichtigkeit und Offenheit mit der wir nicht gerechnet hatten. Ich nahm mir vor, während dieser Reise nachzufragen, wer denn dieses Dankschreiben verfasst hat.

 

 

Sulfat und Rim, die beiden Väter, waren zusammen mit 15 Jugendlichen zu einer Jugendtagung mit dem Thema „Brücken -  unsere Chance“ nach Überlingen an die Waldorfschule gekommen. Sie begann bereits Ende Juli 2002, also gerade 4 Wochen nach dem Unglück. Von Schülern selbst organisiert, hat die Tagung tatsächlich Brücken geschlagen. Die Berichte dieses Aufenthaltes, zusammen mit dem, was geleistet worden war in der Bewältigung der Folgen des Flugzeugunglückes, bewogen den Präsidenten der Republik Baschkortostan, eine Einladung an 110 Hilfs- und Einsatzkräfte auszusprechen. Es sollte eine Geste des Dankes sein. Die deutschen „Verantwortungsträger“ wussten nicht so recht mit dieser Einladung umzugehen, man hatte wohl Bedenken, zu viele Verpflichtungen einzugehen. Es irritierte vielleicht auch, dass man mir informell die Einladung zusammen mit einer Liste zur Abstimmung zusandte. Man wollte sich direkt und persönlich bedanken. Mit Unterstützung einiger sehr engagierter Einsatzkräfte, vor allem bei der Polizei, gelang es schließlich doch, die Reisegruppe zusammenzustellen.

 

Ein halbes Jahr später, vom 2. bis 12. Januar 2003 durften insgesamt 125 Hilfs- und Einsatzkräfte sowie eine Jugendgruppe Baschkortostan besuchen, inklusive Flug als Einladung. Wir wurden empfangen wie eine Regierungsdelegation mit ausgezeichnetem Programm und ungewohnter Gastfreundschaft. Daher kennen wir die meisten der jetzt beim Empfang am Flughafen in Ufa anwesenden Personen.

 

 

Am Morgen nach unserer Ankunft, am Sonntag dem 13. Juli 2003 bringt uns ein Bus durch Ufa zum Südfriedhof. Hier werden wir von einer offiziellen Abordnung, den Angehörigen, Freunden, Besuchern und den Geistlichen erwartet. Durch das Friedhofstor schreiten die Geistlichen voran, gefolgt von Regierungsvertretern, uns Gästen, den Angehörigen und Besuchern. Schweigend gehen wir durch diesen Friedwald, mit seinen Birken und Tannen, den dicht beieinanderliegenden, meist wild verwachsenen Gräbern im hellen Sonnenlicht.

 

 Aus Lautsprechern setzt Musik ein und vor uns öffnet sich der Weg, wir erblicken zwei Stelen. Eine dünnere, ca. 6 m hohe, schwarze, die eine kürzere, weiße, ca. 60 cm starke, etwas breitere, überragt. Ein Bild für den Tod, der das junge Leben überwand. Kleinen Vögeln oder Papierfliegern ähnliche Messingfiguren auf einer Stahlspirale winden sich um die schwarze Stele dem Himmel entgegen, Symbol für die verstorbenen Seelen. Es ist ein filigranes, leicht wirkendes, sehr schönes Denkmal, vor dem ein großer Blumenkranz in Form eines roten Herzens steht, flankiert von je drei großen runden Kränzen.

Vor dem Denkmal, in vier Reihen sind die Grabsteine angeordnet, ähnlich der Sitzordnung im Flugzeug. 55 der Opfer, darunter 40 Kinder und Jugendliche, sind hier bestattet. Der von einem kleinen Zaun eingerahmte Platz ist rot gepflastert. Eine Fläche um das Denkmal herum sowie die einzelnen Gräber sind in der Farbe der Hoffnung mit Gras bewachsen, eingerahmt mit schwarzem Stein. Der Grabstein trägt jeweils eingraviert, das Bild des Verstorbenen, Namen und die Lebensdaten. Rechts oben in der Ecke deutet ein kleiner Halbmond die muslimische Glaubenszugehörigkeit an, ein Kreuz die christliche. Bei einem weiteren Drittel fehlt ein Symbol. Auf der Rückseite ist ein kurzer Text eingraviert.

 

 

Viele Angehörige warten hier bereits am Grab ihrer Verstorbenen auf uns, der Platz füllt sich, jeder erhält zwei rote Nelken. Zwei, vier, sechs Blumen – Geradzahligkeit, so ist es der Brauch, ist den Toten zugedacht. Nach kurzem Musikstück beginnt der muslimische Geistliche, der oberste Imam von ganz Russland (sein Sitz ist in Ufa), mit einem Gebetsgesang. Er spricht anschließend vom Paradies, in das die verstorbenen Kinderseelen eingehen und von der Aufgabe gerade der hinterbliebenen Eltern, nun ein gottgefälliges Leben zu führen, um den Kindern folgen zu können. Darauf spricht der orthodoxe Patriarch vom ewigen Leben und der Hoffnung, die wir daraus fassen können, und dem Trost, der durch Gott zuteil werden kann. Es ist sehr eindrücklich, in welchem Einvernehmen die Religionsvertreter auftreten. Hier wie bei den früheren Begegnungen der Geistlichen konnten wir erleben, wie hilfreich die Toleranz der Religionen und deren gegenseitige Achtung ist.

 

Für Baschkortostan mit seinen 113 Nationalitäten ist dieses natürliche Nebeneinander der Kulturen und Religionen sehr bedeutsam. Nach den ruhigen, weit tragenden Flötenklängen der Kurai spricht ein Schulkind ein sehr zu Herzen gehendes, selbst geschriebenes, Gedicht. Zwei Personen lesen nacheinander alle 71 Namen der Verunglückten vor, alphabetisch, wie es auch am Jahrestag zur Unglücksminute am Bodensee geschah. Nach jedem Namen legt eine Schülerin zwei Nelken auf eine Stufe vor das Denkmal. Nach einem Musikstück und weiteren Reden legen alle die Nelken nieder und wir den Ährenkranz in deren Mitte. Die Priester gehen voran zu den Gräbern.

 Der orthodoxe Priester bittet um Frieden für jede Seele, der Imam stellt sich zu den Hinterbliebenen, und gemeinsam wird schweigend, mit gesenktem Blick, die Handflächen vor der Brust nach oben gerichtet, des Verstorbenen gedacht. Wir gehen ebenso zu den Hinterbliebenen, von denen viele uns zu Bekannten, einige bereits zu Freunden wurden. Es ist kaum möglich sich allen zuzuwenden, es fehlen die Worte, die Zeit. Hier liegt Julia, dort Arthur und Sofia ... Viele Bilder von ihnen sind uns schon gezeigt worden, wir kennen ihre Hobbys und Begabungen. Ein Händedruck, kurzes Innehalten, alles ist wieder präsent, das ganze Ausmaß der Tragödie. Vladimir nimmt mich in den Arm, seine Frau und seine zwei Kinder liegen hier. Er erzählte immer wieder von ihnen, zeigte Bilder. Zuhören und zusehen ist das einzige, was möglich war. Jetzt kommen wir in ein kurzes Gespräch, er scheint offener, gefestigter.

 

 

Auf einem Grabstein lese ich folgende poetischen Worte, welche von dem verstorbenen Mädchen vor dem Unglück verfasst wurden:

 

Я летала, конечно, летала                 „Ich flog, es ist gewiss, ich flog

Счастье крылья большие дает,             Das Glück gab mir große Schwingen,

Но жизнь времени дала мало,               Nur zu wenig Zeit hat das Leben gegeben,

И прервался волшебный полёт…“        Und unterbrach diesen zauberhaften Flug…“

 

Dascha Koslowa (*2.11.1986, †1.7.2002) 

Geschrieben am 8.4.2002

 

Für einige Angehörige sind solche Vorahnungen ein Trost, sie deuten doch ein zwar unbegreifliches, doch notwendiges, schicksalsgemäßes Opfer an. Gerade im Islam wird von einer Vorherbestimmung des Todes gesprochen.

 

Die Vorfreude auf die durch Wettbewerbe gewonnene Reise im Juli 2002 nach Barcelona war groß, ebenso wie die Erwartungen an das ferne Land und den Flug, der so grausam unterbrochen wurde. Die  45 Kinder und Jugendliche  waren auf dem Weg in ein Ferienlager, das über die UNESCO-Kommission organisiert war.

 

Auf dem Rückweg zu den Bussen treffe ich kurz Dima mit seiner Tante, einen durch das Unglück zum Vollwaisen gewordenen 12-jährigen Jungen. Nachdem er im Januar nun auch noch seine Großmutter verlor, die für ihn sorgte, ist er bei seiner Tante untergekommen. Sie kann aber die zusätzliche Belastung kaum tragen, deshalb bat sie den Freundeskreis um Hilfe. In Russland bliebe Dima nur eine Militärakademie.

 

Vor 9 Tagen, während des Aufenthaltes der Hinterbliebenen zum Jahrestag des Flugzeugunglückes am Bodensee, hatten wir ein Vorstellungsgespräch in der Schule Schloss Salem, er kann hier anfangen. Er würde gerne kommen.

 

Nach dem Friedhofsbesuch am Nachmittag in einem Sanatorium in Ufa, in welchem bereits viele Hinterbliebene eine medizinisch, psychologische Behandlung erhielten, müssen die zwei mitgereisten Kriminalbeamten eine schwierige Aufgabe bewältigen. Aus der Katastrophennachsorge ist bekannt, dass für einige Hinterbliebene der visuelle Abschied sehr wichtig ist. Das war nicht möglich, es bleiben nur die Bilder der Kriminalpolizei. Wir versuchten immer wieder die Überzeugung zu vermitteln, dass es besser sei in der Erinnerung das Bild vom Abflug zu bewahren. Ein kleiner Teil der Hinterbliebenen ließ sich jedoch nicht davon überzeugen. Für diese Menschen  muss ein Raum gefunden werden, wo im Gespräch mit Psychologen alles erläutert und gezeigt werden kann. Erschrecken und Phantasie kann korrigiert werden oder auch die Einsicht entstehen, daß ein Überleben nicht möglich war.

 

 

Am ersten Jahrestag des Unglückes, zwölf Tage vor dieser Reise nach Ufa, hatten Kriminalbeamte alle Hinterbliebene zu den jeweiligen Fundorten begleitet und Fragen beantwortet. Es waren 160 Personen zu einem fünftägigen Aufenthalt gekommen.

 

Ein besonderes Ereignis war der Schweigemarsch in der Nacht vom 1. auf 2. Juli, der Nacht in der das Unglück vor einem Jahr geschah. Begleitet von 71 Kerzenträgern führte er auf einen hochliegenden zentralen Punkt des Unglücksgebietes. Die Namen aller 71 Verstorbenen wurden verlesen, wobei mit jedem Namen eine Fackel entzündet wurde. Genau zur Unglücksminute um 23:35 Uhr leuchtete die letzte Fackel auf. Da setzte ein leichter, „reinigender“ Schauer ein, der so lange anhielt, wie die drei Priester, der orthodoxe, der muslimische und der katholische, ihre Gebete sprachen. Dann riss der Himmel auf und es zeigte sich ein klares Sternenmeer mit Mondsichel in das die Töne der Abschlussmusik klangen. „Die schwersten Wege werden alleine gegangen“ schreibt die Dichterin Hilde Domin. „Und doch wenn du lange gegangen bist, bleibt das Wunder nicht aus, weil das Wunder immer geschieht, und weil wir ohne Gnade nicht leben können“. Diese Gnade wurde für uns erlebbar, in der Hilfe, welche die Erinnerung ertragbarer machte und durch die Dankbarkeit, die neue Begegnungen entstehen ließ. Am Abschied damals und hier in Ufa sprechen uns immer wieder Hinterbliebene auf diesen Moment an. Es habe ihnen geholfen, innerlich ruhiger zu werden. Eine unerwartete, befriedende, besondere Stimmung hatten viele Anwesende gespürt.

 

Die Chance, Brücken zu bilden aus diesem tiefen, gemeinsam erlebten Leid, durften wir wahrnehmen, gerade auch wieder bei diesem Besuch. Nicht zuletzt durch das Entgegenkommen der Hinterbliebenen. Manches mal war deren Umgang mit dem Tod auch für uns eine Stütze. Für einige hatte der Tod so eine selbstverständliche Seite. Es klang so natürlich, über das Weiterleben der Seele zu sprechen, das dem Bild einer Fähre, die man selbst besteigt und die einen hinübergeleitet, nichts Sonderbares anhaftete. Der Kranz  und die Ährensträuße wurden als Symbol zukünftigen Lebens verstanden und geschätzt. Sie sollen in eine Ausstellung des Nationalmuseums zu dem Flugzeugunglück aufgenommen werden.

 

Am Ende des zweitägigen Aufenthaltes unserer Delegation in Ufa wurde feierlich ein Protokoll über die weitere Zusammenarbeit der Länder Baschkortostan und Baden-Württemberg unterzeichnet.

 

Eine Freundschaft ist entstanden, in der wir Teil einer Familie geworden seien, wie es Sulfat Chammatov ausdrückte. Hoffen wir dass aus dem Leid der Vergangenheit, eine tragfähige Gemeinschaft von Mittel- und Osteuropa erwachsen kann.

 

Mit diesen Gedanken und Wünschen erreichten wir gemeinsam den Flughafen. Der Abschied auf der Rollbahn von Schafgat Galijewitsch, erster Sekretär der UNESCO Kommission bekam eine besondere Färbung. Er war es, der in dem Dankesbrief  so bewegend die Schicksalsverbindung über alle geographischen und kulturellen Unterschiede  hinweg hervorhob. Vor einem Jahr, kurz vor dem Unglücksflug nach Barcelona erlitt er einen Herzinfarkt. So blieben er und seine Tochter damals zu Hause.

 

Jürgen Rädler

Medizinstudent

 

 

Bild: Abschied, links Chafgat Galijewitsch rechts J. Rädler

 

Dieser Text ist entstanden als einen Beitrag zum "Mercurius-Preis für Reiseerzählungen" an der Universität Witten/Herdecke. Die Uni möchte durch die Publikation der Beiträge des Mercurius Preises darstellen, wie an ihr Internationalität gelebt wird.