In der Nacht vom Mo 1. auf Di 2. Juli 2002 kam es um 23:35 Uhr im Bodenseekreis zwischen Überlingen und Owingen zu einem furchtbaren Flugzeugabsturz. 71 Menschen, 23 Erwachsene und 49 Kinder und Jugendliche unter 18, starben beim Zusammenstoß einer baschkirischen Passagiermaschine mit einer Frachtmaschine der DHL in ca.11 000 m Höhe. 

 60 Verunglückte stammen aus der russischen autonomen Republik Baschkortostan, davon sind 44 Kinder. Eine Frau mit 2 Kindern stammt aus der russischen Republik Nordossetien, eine Person stammt aus Moskau, eine weitere aus der Stadt Belgorod. Insgesamt sind 65 russische Staatsbürger verunglückt. Aus Minsk, Weißrussland, verunglückt eine 4-köpfige Familie: Frau, Mann, zwei Kinder. Die zwei Piloten der Frachtmaschine stammen aus Kanada und England. Am 4. Juli 2002 besuchten die Hinterbliebenen das erste mal den Ort der Katastrophe. 

Unser Mitgefühl gilt allen Hinterbliebenen.

Pressebericht Baschinform 4.Juli

Die Angehörigen der verunglückten Passagiere waren am Ort des Flugzeugabsturzes

Ufa, 5.Juli "Bashinform" Ludmila Petrowskaja.

Das Unglück kommt immer unerwartet. Weder die Eltern der Schüler noch die Verwandten, Begleiter und Besatzungsmitglieder des Flugzeuges 85816 konnten vermuten, dass sie ihre Liebsten zum letzten Mal sehen. Es standen Sonne, Sommer, zartes spanisches Meer bevor... Damit, dass die am 2 Juli eingegangene schreckliche Nachricht schockierte - ist gar nichts ausgedrückt. Die Republik verlor 45 Kinder und 15 Erwachsene (4 Begleiter und 11 Besatzungsmitglieder). Zusammen mit in Moskau zugestiegenen Passagieren fanden im Flugzeug TU-154M 69 Menschen ihren Tod. Nur langsam wurde der ganze Schrecken des Geschehenen bewusst. Die von ihrem Kummer erdrückten Eltern waren nicht imstande, sinnvoll zu handeln. Ihnen zur Hilfe kam die Regierung der Republik. Es wurde ein Krisenstab eingerichtet, eine Regierungskommission hat ihre Arbeit aufgenommen. Die Passagierlisten wurden geprüft, es glühten die Leitungen der "Telefon-Hotlines" die in der Regierung der Republik, im Ministerium für Notstandsituationen, auf den Flughäfen Ufa und Moskau freigeschaltet wurden. Dort kamen die Angehörigen an und bekamen die neuen und für sie so notwendigen Informationen. Im Krisenstab standen rund um die Uhr Ärzte und Psychologen zur Verfügung, es wurden warme Mahlzeiten organisiert. Die Regierungskommission unter der Leitung des Ministerpräsidenten Baschkiriens, Rafael Beidawletov beschloss, den Familien die Besichtigung des Unglücksortes in Deutschland zu ermöglichen. Es wurden die besten Spezialisten für die Erledigung aller Reiseformalitäten herangezogen, die Botschaften und Konsulate, viele andere Behörden beider Staaten wurden eingeschaltet. Die Arbeit ging rund um die Uhr. Bereits nach einem Tag wurden alle Formalitäten erledigt. Am Morgen des 4.Juli wurde ein Luftkorridor Ufa-Friedrichshafen für einen Flug der baschkirischen Fluggesellschaft eröffnet.

6.00 Uhr. Der internationale Flughafen Ufa. Zum Flughafengebäude fahren zahlreiche Autos heran, kurz darauf kommen die Busse mit den Angehörigen der Verunglückten an. Viele haben Blumen in den Händen. Im Warteraum des Flughafens werden Reisepässe und Tickets erteilt. Es sei betont, dass die Regierung alle Kosten übernahm. Die TV-Journalisten rennen hin und her und strecken ihre pelzigen Mikrofone zu den weinenden Frauen. In solchen Minuten muss man sich der Kollegen schämen - leider gibt es vor solchen, die man manchmal zurecht "Paparazi" nennt, selbst im Unglück keine Rettung. Da und dort schluchzen die vom Kummer erdrückten Mütter. Die Gruppe passiert den Zoll und man wartet auf den Abflug. Die Menschen meiden die Blicke der anderen, jede Familie ist in ihrem eigenen Kummer versunken.

8.00 Uhr. Es kommt eine Aufforderung zum Einsteigen. Unter den Augen dutzender Kameraobjektive, für welche fremdes Unglück nur das Arbeitsmaterial bedeutet, gehen die Angehörigen zum Flugzeug. Einige Frauen versagen die Beine, sie werden an den Armen geführt. Das Flugzeug ist fast voll besetzt - 139 Menschen. Der Delegationsleiter ist der Vize-Premierminister Nikolaj Sigakov. Ihn unterstützt der Minister für Notstandsituationen Baschkiriens, Marat Magadejev.

20 Minuten später setzt sich die TU-154M in Bewegung und hebt ab. Nicht jeder Flug beginnt mit den Worten: "Sehr geehrte Passagiere die baschkierische Fluggesellschaft drückt Ihnen tiefes Beileid aus...." Im Flugzeug befindet sich eine Gruppe Ärzte aus der ufa`schen Poliklinik b1 und einer Gruppe Psychotherapeuten der staatlichen, psychiatrischen Gesundheitsführsorgestelle. Sie umsorgen ständig die Passagiere, messen Blutdruck und geben Beruhigungsmittel. Für einige, besonders emotionale Passagiere ist diese Hilfe einfach unerlässlich. Nach einigen Stunden entsteht ein spürbarer Medikamentengeruch in der Luft, die Ärzte kommen nicht dazu sich zu setzen. Aber die Zeit im Flugzeug - fliegen werden wir bis Friedrichshafen 4 Stunden und 20 Minuten - gibt den trauernden Angehörigen und Nahestehenden die Möglichkeit sich zu sammeln. Heute liegt eines der schwersten Tage ihres Lebens vor ihnen und man muss sich mit Mut und Ausdauer füllen.

Jeder erlebt das Leid auf seine Weise. Da hat eine Mutter sich selbst mit den Armen umschlungen, wiegt sich hin und her im Takt ihrer traurigen Gedanken. Ihr rechter Nachbar hat seinen Sohn verloren, er sitzt unbeweglich und fixiert einen Punkt, nur die Kaumuskeln spielen. Links nimmt ein Mann die Fotos seiner Familie heraus, ihm sind in jener schrecklichen Nacht drei Angehörige verstorben, seine Frau, Tochter und Sohn. "Mein Töchterchen war schüchtern. Besuchte eine naturwissenschaftliche Schule, bemühte sich immer nur Einser und Zweier nach hause zu tragen, hat sich bei Dreier sehr Sorgen gemacht. Dieses Foto ist im Mai aufgenommen, mit der ganzen Klasse am Ende des Schuljahres", er streicht immerzu mit dem zitternden Finger über das geliebte und vertraute Gesicht. "Und das ist mein Söhnchen als er in die erste Klasse kam. Es war ein sehr fröhlicher Junge... Hier sind sie zusammen im Kindergarten. Sie waren in verschiedenen Gruppen, aber wir haben gebeten sie zusammen zu fotografieren. Und hier sind wir mit der Familie am Meer. Und das ist am Blumenfest..." Mich schauen glückliche und lächelnde Gesichter an. Und es gibt sie nicht mehr... Der gute Vater, er kann sich beherrschen, aber ich halte es nicht aus - mir brechen Schluchzer durch. Wie viel Schmerz, wie viel...

12.30 Uhr. Wir landen auf dem Flughafen Friedrichshafen, einem der südlichen Länder der Bundesrepublik - Baden-Württemberg.

Eine Abfertigungshalle gibt es hier keine. Für den Empfang der trauernden Passagiere sind in einem riesigen Hangar Tische und Bänke aufgestellt. In Deutschland ist es halb neun Uhr morgens, kühl.

Wir werden vom Botschafter der Russischen Föderation Sergei Krylov, dem Vertreter von Baschkortostan in Wien, Vadim Pletnev, dem Präsidialamtsleiter der Republik Baschkortostan (RB), Ildar Ljimajev, dem Stellvertretenden Premierminister RB, Ramil Mirsajev und andere offizielle Persönlichkeiten, empfangen, unter ihnen Vertreter der örtlichen Behörden. Sie alle befinden sich hier seit dem ersten Tag der Katastrophe. Offensichtlich wurden wir erwartet, es sind einige Wagen des deutschen Roten Kreuzes im Einsatz, es steht für die Eingetroffenen ein heißes Frühstück bereit, sogar die Schildchen sind in Russischer Sprache. Es läuft ein orthodoxer Geistlicher durch den Saal, er unterhält sich gerne mit den Eltern und Angehörigen der Opfer. Vater Oleg erzählt, dass am 2. und 3. Juli und ebenfalls heute, am 4. Juli in den orthodoxen Kirchen Deutschlands Gedenkgottesdienste stattfinden. "Die hier lebenden Menschen sind offen für fremden Schmerz und empfinden ihr Leid, als wäre es ihr eigenes." sagt er.

Der Botschafter der russischen Förderation in Deutschland, Sergej Krylov berichtet von den Suchaktionen. Diese werden keine Minute unterbrochen. Über 800 Polizisten und 500 freiwillige Helfer sind im Einsatz. In einem Umkreis von 30 km wird buchstäblich jeder cm durchforstet. Alles was gefunden wurde, oder wird, geht zur Polizei. Deutsche Kriminalbeamte sind mit der Identifizierung beschäftigt. Aber der ganze Vorgang wird noch einige Tage in Anspruch nehmen. Die sterblichen Überreste, sowie die Todesbestätigungen werden an die baschkirische Seite ausgehändigt werden.

...Die Menschen verteilen sich auf die Busse und fahren in das Städtchen Überlingen, in dessen Umgebung die Hauptteile des Flugzeuges aufschlugen. Vom Flughafen Friedrichshafen aus sind es etwa 35 km. Unterwegs erteilt Ildar Gimajev ausführlichere Informationen. Er war bereits am Unfallort gewesen, hat an den Sitzungen der staatlichen Ermittlungskommission teilgenommen und hat mit den örtlichen Leitungsgremien gesprochen. Die Deutschen haben die umsichtigsten Maßnahmen zur Rettung und als klar war, dass es keine Überlebenden gibt, zur Bergung der Leichnahme, ergriffen. Sie können sich darauf verlassen, dass hier alles mögliche und unmögliche getan wird, um die Arbeiten schnellstmöglich abzuschließen. Es arbeiten hunderte Polizisten, Feuerwehrleute, Mediziner, russischsprachige Psychologen (es ist gar nicht so einfach in einem kleinen Städtchen diese aufzutreiben) und eine Menge Freiwilliger.

Die deutschen Fachkräfte nehmen die Arbeiten unglaublich pedantisch in Angriff. Jedes gefundene Körperteil, Dokument, Spielzeug, Foto, oder auch jede andere Sache wird einzeln in ein Tütchen verpackt und nummeriert. Es arbeiten die erfahrensten Experten, und dieses Tag und Nacht.

Hinzugezogen sind sechs Gerichtsmediziner und 27 Fachleute verschiedener Richtungen. Die wichtigsten Identifikationsmethoden sind: Fingerabdrücke, Zahnstatus und DNA-Analyse. Informationen über die Zähne führen am schnellsten zu Ergebnissen.

Ildar Gimajev warnte vor voreiligen Schlüssen und Vorurteilen hinsichtlich der Unfallsursache und der Personen die Schuld an der Tragödie haben. Die Medien kneten viele Versionen durch. Aber solange die Kommission die Untersuchungen nicht abgeschlossen hat, solle man keine voreiligen Schlüsse ziehen, betonte er.

Viele Eltern erkundigten sich, auf welche Weise ihre Kinder den Tod gefunden haben, ob sie gelitten hätten. "Nein, versuchen die Kommissionsmitglieder sie zu beruhigen. - Die Kinder haben uns plötzlich verlassen. Es war spät, wahrscheinlich schliefen sie. Und selbst wenn sie nicht schliefen, haben sie keine Zeit gehabt etwas zu bemerken und sich zu erschrecken. Alles ging so schnell, dass es nicht weh getan hat." Einige Russen wollen sofort die Überreste sehen, in der Hoffnung in ihnen einen nahen Menschen zu erkennen. Diese Bitte wird korrekt und klar abgewiesen. Solange die Identifizierungsarbeiten nicht abgeschlossen sind und die Fachleute nicht hundertprozentig sicher sind, dass dieses die Überreste gerade ihres Kindes, ihres Mannes, ihres Bruders oder ihrer Frau oder Schwester sind, - bleiben die Leichnahme bei der Polizei. In die Heimat werden sie in Zinksärgen befördert, dafür ist die deutsche Seite verantwortlich. Den Transport übernimmt die Fluggesellschaft "BAL", in Russland wird man dann, falls erwünscht, die Särge öffnen können, um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich den ihnen verwandten Leichnam enthält. Aber die deutschen Kriminalbeamten raten davon ab. Viele Leichnahme sind derart beschädigt, dass ihr Anblick sich negativ auf die ohnehin belastete Psyche auswirken könnte.

15.00 Uhr. Unter diesen traurigen und die Angehörigen tief bewegenden Gesprächen gelangen wir zum Salem College. Die Busse mit den Trauerfahnen werden von Polizeiwägen, Rettungswägen und einem Hubschrauber begleitet. Im Festsaal des College ist eine kleine Versammlung geplant. Hier ertönt Trauermusik, die Staatsfahnen von Deutschland, Russland und Baden-Württemberg sind mit schwarzen Schleifen versehen. Einige Vertreter der Bundesregierung, der Landesregierung und der Gemeindeverwaltung wenden sich an die Angehörigen, "Sie sind mit einem großen Leid im Herzen zu uns gekommen. Im Nahmen unserer Regierung und des ganzen deutschen Volkes drücken wir unser Beileid und Mitgefühl aus. Man kann nicht mit Worten ausdrücken, was wir in diesen Tagen fühlen, wir können nur mit Ihnen leiden. Wir werden alles tun, was uns möglich ist um auch nur ein wenig Ihr Leid zu erleichtern, die Ursachen der Katastrophe zu finden - Ganz Baden-Württemberg, ganz zu schweigen von den Bürgern Überlingens befindet sich in tiefer Trauer. Wir können Ihnen den Schmerz nicht wegnehmen, aber wir können ihn mit Ihnen teilen."

Es tritt auch der Leiter der baschkirischen Delegation auf. "Als wir die furchtbare Nachricht erhielten, war die ganze Republik erschüttert, - sagte Nikoleij Sigakov; das geschehene will nicht in den Kopf und das Herz platzt vor Leid. Wir haben rechtzeitig alle Maßnahmen ergriffen. Aber unsere Kinder, Männer und Frauen bekommen wir nicht mehr zurück. Hier gibt es nur ein Heilmittel - Zeit. Es ist jetzt nicht an der Reihe nach Schuldigen zu suchen. Ich bitte um eines - seid gefasst."

Man teilt den in Deutschland angekommenen Russen die neuesten Daten mit. Die Hauptteile der abgestürzten Flugzeuge befinden sich auf einem Streifen von einem km Breite und 15 km Länge. Die Trümmer vielen auf eine Siedlung, beschädigten beträchtlich die Häuser, einige Gebäude sind durch Brand beschädigt. Ein deutsches Sprichwort sagt: das Glück im Unglück - in den Gemeinden gibt es keine Opfer, nicht einmal Verletzte. Erstaunlicher Weise hat sich kein Treibstoff in den in Sichtweite liegenden Bodensee ergossen - es ist eines der besten und malerischsten Kurorte Deutschlands, an der Grenze zu Österreich und der Schweiz gelegen. Andernfalls würde die ökologische Katastrophe die Aktivitäten des Kurorts für längere Zeit bedrohen. Obwohl große Teile des Flugzeuges gerade unter einer Überlandstromleitung liegen wurde keine einzige Leitung beschädigt.

Und das Wichtigste, worauf die von der langen Unruhe müden Eltern warten: 67 Leichnahme sind bereits gefunden, zwei von Ihnen - Pilote der Boing 757. Vier sind noch unaufgefunden. Die Suche wird keine Minute unterbrochen. Jetzt steht eine nicht weniger wichtige Aufgabe aus - die Identifizierung der Überbleibsel. Dazu ist die Hilfe der eingetroffenen Angehörigen notwendig, die von ihnen bereitgestellten Informationen werden den Experten sehr helfen.

Alle Angehörige teilen sich in zwei Gruppen auf. Nachmittags fährt eine von ihnen zum Unglücksort, die andere unterhält sich derweil mit Kriminalbeamten. Ihnen helfen Dolmetscher, viele von diesen ehrenamtlich, Russischlehrer von Schulen und College, Aussiedler. Jeden Familie bekommt einen Ermittler zugeteilt - er notiert besondere Merkmale: Leberflecken, Narben, Schmuck, u.a. Es wird aufgezählt, welche Kleidung die Opfer getragen haben könnten, was von ihnen an Gepäck mitgeführt wurde. Einige Angehörige brachten Arztberichte mit, was dem Ablauf ebenfalls hilfreich sein wird. Es wird eine DNA Speichelprobe der Eltern genommen. Die Eltern begegnen diesen, keinesfalls einfachen, aber notwendigen Maßnahmen mit Verständnis. Unter Tränen erzählen sie über die nahen und geliebten Menschen.

16.30 Uhr. Der Bus fährt aus Überlingen in Richtung des winzigen Dorfes Brachenreute, wo die Wrackteile der TU-154 liegen. Es verbreitet sich im Bus eine schwere Stille. Alle warten auf das Schreckliche und Unumgängliche. Plötzlich - ein Aufschluchzen, ein Stöhnen. Es taucht in der Ferne das Heckteil des verunglückten Fliegers auf. Alles ist von der Polizei umstellt. Einige dutzend Journalisten, die sich aus der ganzen Welt hier versammelt haben, müssen einen Abstand von einem halben Kilometer einhalten. Die Wrackteile liegen nicht weit von der Strasse entfernt in einem friedlich im Wind sich bewegenden, sonnigen Roggenfeld. Das Heckteil hat sich offenbar durch den Aufprall an der Schweißnaht gelöst und liegt nun einige Tonnen schwer, einige duzend Meter weiter. Über das ganze Feld sind Blechstücke, Rohre und Draht verteilt. Es steigt das Gefühl eines Albtraumes auf. Dieses kann nicht die Wirklichkeit sein, das sind nicht wir, das ist nicht unser Flugzeug, unsere Kinder sind nicht hier verunglückt..... Die Angehörigen schreiten langsam in einer dem Schlimmsten geweihten Trauerkolonne. Ihr gemeinsames, immer stärker werdendes Schluchzen verwandelt sich in einen herzerreisenden Aufschrei.

"Mein Kindchen!" wirft sich eine Mutter mit ausgebreiteten Armen auf ein verbeultes, verzogenes Rohr. "Kindchen... Blutröpfchen.... was ist aus dir geworden, wie soll ich denn jetzt ohne dich leben? Warum haben sie dich von mir genommen? Was hast du denn falsch gemacht?" die Worte versinken im Schluchzen und es ist keine Kraft mehr da, dieses Leid zu ertragen. Alle weinen. Aber das ist kein Weinen, es ist ein seelenzerreißender, gemeinsamer Aufschrei ge´n Himmel. Es weinen die Eltern, liegen sich in den Armen um sich gegenseitig zu stützen, es weinen starke Männer, es fallen Frauen auf die Knie, die Arme dem verkohlten Inneren des Flugzeuges entgegenstreckend. Es zittern die Lippen der deutschen Polizisten und Rettungskräfte, welche die Tränen ebenfalls nicht zurückhalten können, obwohl sie die Russische Sprache nicht verstehen. Mein Gott, was für ein Herz muss man haben, um solche seelische Marter auszuhalten.

"Igorjok! Igorjok! Igorjoscha...." ruft eine Mutter um die Metallberge herumlaufend ihren Sohn, ihr Gesicht ist schwarz vor Leid; "wo bist Du, wo? Mein Junge, Sohn, Söhnchen, Söhnchen.... Was ist denn von dir übrig geblieben, Du mein Igojotschek...."

"Warum hast Du, Ernährer, uns verlassen?" Stammelt verwirrt die Frau eines Mitglieds der Crew; "den Sohn muss man aufziehen, die Tochter bereitet sich auf die Uni vor. Wie soll ich denn jetzt allein?..."

Das angekokelte Metall bedeckt sich mit Blumen. Jemand hat Spielzeug mitgebracht und diese grellen, lustigen Plüschtierchen sehen auf dem ganzen Chaos etwas merkwürdig aus. Nach und nach tritt allgemeine Benommenheit ein. Wozu Worte, alles ist klar. Hier ist es, das schlimmste ist bereits geschehen. Man sieht, wie es gewesen ist und man kann schon nichts mehr ändern. Viele hatten geheime Hoffnungen, dass es hier, wenn sie an diesen Ort kommen, sich plötzlich alles als anders erweist, als es ihnen aus dem weiten Russland vorschwebte. Die schrecklichen Aufnahmen der Tragödie, gezeigt auf allen Sendern, erweisen sich als bloße Bildchen. Nun räumte die unbarmherzige Realität alles auf ihre Plätze. Es setzt eine stumme und tiefe Trauer ein. Es werden Kränze zu den Blumen gelegt - von den Eltern, von der Landesregierung Baden-Württemberg, von der Regierung Baschortostans....

Am selben Ort wird ein muslimisches Gedenkgebet abgehalten, darauf folgt die orthodoxe Messe. Viele nehmen etwas von der Erde in Säckchen mit, andere heben Blechstücke auf, die das unbarmherzige Schicksal so reichhaltig über die Erde Baden-Württembergs verstreut hatte. Jemand pflückt Roggen Ähren, welche vielleicht die drei Feuerkugeln über den Himmel fliegen sahen... Unter meinen Füßen bemerke ich ein Stück geschmolzenen Metalls, das sehr an eine Träne erinnert. Das Flugzeug weinte, es weinte der Himmel...

So ist der Mensch eben beschaffen, die schärfe selbst der schwersten Erlebnisse hat ihre Grenzen. Nachdem sie die Wrackteile gesehen hatten, fühlten sich viele erleichtert. Alleine deswegen hätte sich die Fahrt bereits gelohnt. Es war eben auch wichtig zu spüren, dass wir mit unserem Leid nicht allein sind. Man sagt, dass man wahre Freunde nur im Unglück erkennt. Die deutsche Seite hat unseren Schmerz so nah ans Herz genommen, dass wir uns verstanden und aufgenommen gefühlt haben. Sobald der Unfall bekannt gegeben war, riefen unzählige Menschen Polizei und Rettungsdienste, örtliche Behörden, das Rote Kreuz an und boten ihre Hilfe an.

Man sollte lernen die Dinge auf diese Weise zu organisieren. Einfühlsam und korrekt, mit deutscher Genauigkeit, ohne Lärm und Gedränge, taten sie alles Notwendige, dachten an tausend Kleinigkeiten. Z.B. an Säckchen für die Mitnahme von Erde vom Unfallort, oder Gedenkkerzen, Sitzgelegenheiten bei den Wrackteilen, sogar Schirme für jeden Beteiligten im Falle des Regens. Später bekam man diese und andere Souveniere als trauriges Andenken an das Land Baden-Württemberg. Die Stadtgärtnerei Überlingen sandte Blumen und Kränze, dabei vergas man nicht, von den Rosen die Dornen zu entfernen... Alles wurde durchdacht, um auf keine Weise unsere Gefühle zu verletzen. Alles war würdig und menschlich.

20.30 Uhr. Wir kehren wieder nach Überlingen zurück. Das Schlimmste haben wir hinter uns. Im College ist eine kleine Versammlung. Im Laufe des Tages ist ein weiterer Leichnam gefunden worden. Drei stehen noch aus.

"Wir bemühen uns alle Arbeit so schnell wie möglich zu verrichten" sagt ein Vertreter der Regierung Baden-Württembergs, "nun, nachdem wir von ihnen soviel wertvolle Information erhalten haben, wird die Identifikation erheblich schneller voranschreiten. Wir danken Ihnen dafür, dass Sie in sich die Kraft gefunden haben, diesen für Sie sicherlich nicht ganz einfachen Vorgang durchzustehen. Wir werden Sie nicht lange warten lassen."

Der russische Generalkonsul aus Bonn, Sergej Netschajev drückt den Familien der Verunglückten sein Beileid aus.

Im Namen der Eltern bedankt sich der Vater der Verunglückten Albina, Marat Gasisov, bei den Einsatzkräften. Juner Valeev, der Vater der 15jährigen Vener fügt hinzu: "Wir werden jedes Jahr hier her kommen, an den für uns schwarzen Tag, dem 2.Juli", sagte er "last uns zu ehren unserer Kinder und der anderen Verunglückten eine Schweigeminute."

Die hiesigen Schüler schenken den in den Himmel gegangenen Seelen der Russen, heute schon den dritten Tag fünf Schweigeminuten. Täglich besuchen sie aus eigener Initiative mit ihren Lehrern die örtliche Kirche, um eine Gedenkmesse abzuhalten. Russischlehrer der hiesigen Schulen und College haben sich an die Eltern der verunglückten Kinder mit der Bitte gewandt, Fotos dieser Schüler zu schicken. Sie wollen eine Stellwand und später eine von Blumen umgebene Gedenkstätte errichten. "Kommen Sie zu uns, wir werden immer Platz finden, nicht nur als Unterkunft, sondern auch in unseren Herzen." sagen sie.

22.00 Uhr. Dieser unendlich schwere Tag neigt sich nun dem Ende zu. Die Busse wenden sanft und fahren Richtung Friedrichshafen. Dort steht schon, dass zum Abflug nach Ufa bereite Flugzeug. Es fällt schwer, Worte des Trostes zu finden. Was wir auch tun würden, nichts würde den Schmerz des Verlustes vertilgen. So lasst uns diese uns so nahen Menschen so in Erinnerung behalten, wie wir sie noch vor drei Tagen kannten.

Ufa - Überlingen - Ufa

Bei Druck oder Zitat (vollständig oder auszugsweise) ist ein Verweis auf die staatliche Nachrichtenagentur der Republik Baschkortostan "Bashinform" unabdingbar.

Übersetzung: Anja Romanenko, Sergej Bojkov, Jürgen Rädler

Dankschreiben


Liebe deutsche Freunde!

Das Leid hat keine Nationalität, weil alle Menschen (wir sind davon überzeugt worden!) auf gleiche Weise weinen, wenn sie das Teuerste verlieren. Gott gab uns zu leiden, und nur solche aufrichtige Teilnahme und Mitgefühl von Ihnen machen es offenbar möglich den Schmerz zu teilen und zu erleichtern. Ihr tiefes Mitgefühl und der Wunsch wenigstens einen Teil des Unglücks, das unsere Familien getroffen hat, haben wir gespürt, als wir gequält und von unermeßlichem Verlust bedrückt, den deutschen Boden betreten haben.

Vielleicht hat diese furchtbare Prüfung unsere zwei Länder zusammen gebunden, um uns daran zu erinnern: für Kränkungen darf es keinen Platz in der Seele geben, die Menschen sind aufgerufen einander zu helfen. Der Mensch ist so zerbrechlich und schutzlos in dieser Welt, dass es für ihn ohne Unterstützung von seinen Mitmenschen nicht einfach ist, die schwierigen Situationen des Lebens auszuhalten. Wir wissen nicht, wie es weiter gehen soll, wie wir atmen, wahrnehmen, lieben sollen... Vieles müssen wir wieder aufs Neue erlernen.

Sie sind diejenigen, die unsere Kinder und Angehörigen empfangen haben, als sie als reine Engel auf unsere gesegnete Erde heruntergestiegen sind. Und folglich ist von jener Minute an, jeder von Ihnen, der freiwillig zur Unglücksstelle geeilt ist, der in den Tempeln gebetet hat und der den verzweifelten Eltern und Angehörigen seine Hilfe angeboten hat, uns wirklich nahe geworden. Es wird uns immer hierher ziehen. Doch, offen gestanden, glauben viele noch heimlich auf ein Wunder....

Von ganzem Herzen bedanken wir uns bei Ihnen dafür, dass Sie sich in der schwierigsten Zeit jedem der Angehörigen, der sein Nächstes verloren hat, zur Seite gestellt haben, die Hand der Hilfe gereicht und mit Ihrer zuverlässigen Schulter unterstützt haben.

Die Reaktion des deutschen Volkes auf die Tragödie, die unsere Republik betroffen hat, rührt uns zu Tränen. Aber jetzt sind es nicht nur bittere, sondern auch gutherzige Tränen, die den gemeinsamen Schmerz erleichtern können.

Juli 2002
Die Angehörigen der Verunglückten
des Flugzeugabsturz am 02.07.2002
mit der Flug Nr. 2937

 


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